Abschiedsschmerz und die letzte Impfung

Abschiedsschmerz

 

An unserem letzten Abend wich bei der kleinen Tigerente die Vorfreude der Traurigkeit. Bisher hatte sie aufgeregt allen erzählt, dass sie bald auf Weltreise geht und jeden Tag gefragt, wie oft sie denn noch schlafen muss. Nun aber hieß es Abschied nehmen und das fiel ihr doch sehr schwer.

Ein letztes Mal besuchten wir unsere Freundinnen und da flossen Tränen. Zunächst spielten die insgesamt drei Kinder noch miteinander, aber bald musste ich doch die Ansage machen: „Noch fünf Minuten!“ Entsetzte Gesichter bei allen – daran hatten sie wohl gar nicht mehr gedacht.

Nach Umarmungen und vielen Versprechen, uns zu melden, machten wir uns auf den Weg zum Arzt, dessen Praxis nicht weit von der Wohnung der Freundinnen entfernt liegt, um die letzte Impfung zu empfangen. Da fing die Tigerente an, zu weinen: „Ich will nicht mehr mit!“, erklärte sie bestimmt. Denn ihre allerbeste Freundin hatte ihr gedroht, nie wieder mit ihr zu spielen, wenn sie so lange weggeht. Harte Geschütze, die da aufgefahren wurden, die wohl nochmal verdeutlichen, wie lieb die beiden sich haben. Sollte jemals jemand an der Natur dieser Freundschaft gezweifelt haben, da zeigte sich, dass diese beiden Kinder nichts trennen kann.

Und ich überlegte, was man dem Kind denn nun sagt. Schließlich hatte die Drohung ja ihre Wirkung nicht verfehlt. Also, kleine Anekdote: „Weißt du, meine Süße, wenn du ganz doll sauer auf mich bist, weil ich dir etwas verbiete, dann sagst du doch auch, dass ich doof bin. Und manchmal, wenn es ganz schlimm ist, dann sagst du sogar, dass du mich nicht mehr lieb hast. Aber eigentlich stimmt das gar nicht, und das merkst du spätestens dann wieder, wenn du nicht mehr böse auf mich bist. Genauso war das jetzt auch. Glaub mir, wenn du wiederkommst, dann freut sie sich so sehr, dass du wieder da bist, dass sie auch wieder mit dir spielt. Sie ist jetzt nur traurig, dass du wegfährst.“

War das nicht eine pädagogische Meisterleistung? Wahrscheinlich nicht. Funktioniert hat es trotzdem. Bis wir beim Arzt waren, waren die Tränen versiegt – nur um dann ziemlich schnell wiederzukommen. Wir hatten die Typhus-Impfung nicht auf dem Schirm gehabt und mussten sie deshalb noch am Abend vor der Abreise hinter uns bringen.

Was soll ich sagen… so brav das Kind auch bei den vergangenen Impfungen war, bei dieser hat sie wieder geschrieen, gestrampelt, getobt, gekratzt, gebissen. Sie wollte keine Impfung mehr. Gut, verstehe ich ja schon. Nur. Es war eine SCHLUCKimpfung! Ist das zu glauben? Fast eine halbe Stunde lang redeten wir mit Engelszungen auf sie ein. Ohne Erfolg. Drohungen. Belohnung versprechen (so viel zur pädagogischen Meisterleistung). Alles ging völlig an ihr vorbei, sie wollte diese kleine Tablette einfach nicht schlucken.

Dr. Sommer und ich verabredeten, dass ich sie ihr eben später an diesem Abend irgendwie unterjubeln würde. Als er noch seine Unterschrift in die Impfpässe setzte und uns die Rechnung (wieder 20 Euro plus 57 Euro Impfstoff) schrieb, meinte Tigerente völlig überraschend: „Ich möchte es doch probieren!“ Zack, Tablette runtergeschluckt. Ohne zu weinen. Einfach so.

Und noch etwas Schönes passierte: Als wir rauskamen, wartete die beste Freundin auf die Tigerente. Die, die nie wieder mit ihr spielen wollte. Sie war uns, natürlich mit Mami, nachgerannt, um uns eine Kuschelente auf die Reise mitzugeben. Damit wir immer an sie denken.

 

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